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Kennst du sie auch? Diese Ambivalenz zwischen „Zusammen sein wollen“ und  „Irgendwie allein sein wollen“? Du verbringst Zeit mit deinem Partner und bist doch auf eine unerklärliche Art unzufrieden? Der gemeinsame Tag oder Abend wird dann irgendwie mittelmäßig, unbefriedigend oder endet gar in Nörgeleien oder Streit?

In dieser Situation fragen sich viele Menschen nicht, was sie eigentlich selbst in dieser Situation brauchen. Sie spüren eine subtile Unzufriedenheit und verbringen in dieser Unzufriedenheit Zeit mit ihrem Partner. Dabei merken sie nicht, dass sie sich eigentlich angepasst haben, obwohl sie etwas anderes gebraucht hätten. Eine innere Stimme hat zwar gesagt: „Ich vermisse meinen Partner und will ihn sehen“. Das wirkliche Bedürfnis ist aber ein ganz anderes.

Woran liegt das? Blicken wir mal darauf, wie heute Beziehungen entstehen.
Wir haben es von unseren Eltern, Freunden, Verwandten abgeguckt. In unserer Zeit entstehen die meisten Beziehungen ungefähr so: Man lernt sich kennen, wohnt an verschiedenen Orten. Man sieht sich so oft wie möglich, kommt mit gepackten Taschen möglichst oft zum Partner, bald richtet man sich ein kleines Eckchen ein mit Zahnbürste, Deo und Co. Irgendwann nach sechs Monaten bis zwei Jahren zieht man zusammen. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Noch-Arbeits- und Vielleicht-bald-Kinderzimmer, Küche, Diele, Bad.

Ab jetzt kriegen wir alles vom anderen mit. Es gibt keine Geheimnisse mehr, alles gehört beiden: die Bücher, die Küchengeräte, das Geschirr, die Kissen, die Bettwäsche. Es entwickelt sich ein gemeinsamer Zeitrhythmus, gleiche Essgewohnheiten, gemeinsame Rituale und keiner muss mehr alleine klar kommen. Man hilft und therapiert sich gegenseitig bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Das geschieht gar nicht mal nur altruistisch – nein, man möchte selbst nicht mitleiden, wenn der andere leidet. Auf dem Weg zur totalen Harmonie… Aber die will sich einfach nicht einstellen.

Denn: Entspricht diese Einteilung wirklich deinen Bedürfnissen ?
Ist es wirklich stimmig, überhaupt zusammen zu ziehen?
Damit aus den beiden ICH wie von selbst ein WIR wird?

Es gibt nur noch Nähe. Und diese nicht nur in ihrer Qualität – auch in Form von Kontrolle. Alles mitkriegen, was den anderen betrifft. Man berät sich gegenseitig, massiert sich, organisiert den anderen, man fragt: „Wo warst du? Wen hast du getroffen? Mit wem hast du gesprochen?“. Man fragt den anderen nicht mehr aus Interesse oder Neugierde, um neue Seiten kennen zu lernen. Eher mit der eigenen Frage im Hintergrund, ob man selbst etwas dazu beitragen kann, was der andere erlebt hat. Oder man fragt aus Sicherheitsgründen – ob man selbst noch die wichtigste Person ist im Leben des Partners oder ob er heute schon jemand Wichtigeren getroffen hat. Man wird zum gegenseitigen Manager, Beobachter, Therapeuten, Mama/Papa – alles in einer Person. Mit anderen Worten: Die Nähe-Distanz-Balance ist ins Wanken geraten.

Was man nur nicht mehr füreinander ist: Mann und Frau. Ich und Ich. Ich mit meinem eigenen Leben. Du mit deinem eigenen Leben. Ein Mensch mit seinem ganz eigenen Raum für weibliche Bedürfnisse, mit seinem ganz eigenen Raum für männliche Bedürfnisse (sowohl für heterosexuelle als auch für homosexuelle Beziehungen). Und genau das ist das Dilemma. Die Folge davon macht sich meistens daran bemerkbar, dass die Sexualität als erste dabei „drauf geht“. Der Bereich, in dem es am meisten Spaß gemacht hat und spannend war, sich zu begegnen als Mann und Frau. Die Lust vergeht – wer schläft schon gerne mit seinem Papa? Mit seinem Manager? Seinem Therapeuten? Wer schläft gerne mit jemandem, der alles besser weiß? Nein, keine Lust.

Beziehung im klassischen Sinne bedeutet oft, dass wir aus dem „Ich und Ich“ ein „Wir“ machen. Dann sind wir uns des anderen sicher und dann – ruhen wir uns aus. Die Folge: Wir können unser eigenes Leben, unseren eigenen Körper, unsere eigenen Interessen ruhig vernachlässigen. Es gibt ja jemanden in meiner Nähe, der all diese Bereiche ausfüllt. Irgendwann stellen wir fest, dass es sogar ganz angenehm ist, sich auf den anderen zu konzentrieren und sich selbst zu vernachlässigen. Es fühlt sich zunächst so an, als sei die eigene Erfolgsrate größer, wenn der andere sich ändert. Sich selbst zu ändern, ist doch oft viel anstrengender.

Bei Paaren, die frisch zusammen sind und noch nicht zusammen wohnen, sind häufig die Übergänge holprig. Wenn man sich begegnet, werden folgende Fragen meistens für sich selbst nicht klar beantwortet: „Was will ich selbst eigentlich jetzt machen? Worauf habe ich Lust?“ Wenn man auseinander geht, lautet die unbeantwortete Frage: „Wann will ich dich eigentlich wiedersehen.“ Wie viel Nähe will ich jetzt, wie viel Distanz brauche ich? Und genau da greift schon die Beziehungstradition. Man ist nur noch mit „Partner sehen“ beschäftigt und verliert schon dort oft den Fokus auf sich selbst, nimmt sich nicht genug Zeit in dieser Phase Nähe und Distanz zu üben und zu etablieren.

Bei den Paaren, die schon lange zusammen leben, überdeckt die Nähe und das Wir-Gefühl oft die Fähigkeit wahrzunehmen, was die eigenen Interessen sind oder mal waren. Was sind meine Leidenschaften, meine Themen, meine Visionen, wo will ich mit meinem Leben hin? Die Distanz zum Partner verschwindet nahezu komplett.

Herauszufinden, was man im Kontakt mit dem Partner selbst möchte und dann dazu zu stehen, ist meines Erachtens eine notwendige Herausforderung. Sich zu trauen, die eigenen Bedürfnisse zu spüren und durchzusetzen, auch wenn es den anderen enttäuscht, ist die Kunst in der Liebe.
Oder den Mut zu haben, zu sagen: „Ich weiß gerade nicht, was ich will – hast du einen Vorschlag?“ Ich würde fast sagen, das sind die obligatorischen Hausaufgaben in einer Beziehung. Weil diese oft nicht ausreichend erledigt wurden, bilden sich die Ursachen für Missstimmungen und Auseinandersetzungen, für Frust und am Ende oft die befürchtete Ablehnung.

Ablehnung ist etwas, das wir dabei näher betrachten können: Wenn ich den anderen nicht sehen will, weil ich Zeit brauche, um meine Bedürfnisse zu stillen, ist das keine Ablehnung. Es ist lediglich eine Entscheidung für mich. Nicht: gegen den anderen. Diese beiden Aspekte sollten wir getrennt sehen. Vor allem auch, als diejenigen, die die Absage erhalten. Wenn du also eine Absage erhältst, erlaube dem anderen, sich Zeit für sich zu nehmen. Wahrscheinlich wirst du in dem Moment deinen eigenen Schmerz von früherer Ablehnung spüren. Und da musst du durch. Wenn du den anderen liebst, lässt du ihn gewähren, auch wenn du eine leichte Enttäuschung verspürst.

Ich möchte noch ein paar Zeilen lang auf das Gefühl „Vermissen“ eingehen.
Jemanden zu vermissen ist nichts Schlechtes. Es kann auch als Qualität erlebt werden, wenn wir dieses Gefühl nicht gleich als negativ einstufen, verdrängen oder aktiv werden, um es zu stillen. Ungestillte Sehnsucht nach dem Partner zu haben ist etwas Gesundes, auch wenn es sich nicht immer schön anfühlt. Auch, wenn es ein klein wenig Schmerz bereitet. Es bringt uns in Kontakt mit unserem Herzen, mit unserer Liebe, mit unseren Wünschen. 

Es heißt aber nicht, dass ich diese Sehnsucht sofort stillen und befriedigen muss. Ich kann Sehnsucht nach meinem Partner haben und gleichzeitig das Bedürfnis, den Tag heute allein mit mir verbringen zu wollen. Das geht beides parallel. Das eine heißt nicht, dass das andere nicht möglich ist. Und wenn ich den Tag allein verbringe, mir all das gebe, was ich brauche und gleichzeitig mir Zeit nehme, die Sehnsucht nach meinem Partner zu haben – diesen leichten Schmerz vielleicht sogar zu genießen (Ja!) – dann wird das Zusammentreffen am nächsten Tag um so schöner sein. Dann ist mein Herz wieder voll, mein Körper zufrieden, mein Geist beruhigt und aufgetankt.

Genau dafür ist Distanz absolut gesund. Ich habe nachgeschaut: In dem Wort Distanz steckt das lateinische Wort „Stare“ im Sinne von „stehen“ und „Statik“. Es hat mit „festigen“ zu tun. Ich mische jetzt mal meine Interpretation dort hinein: Ich festige mich, um die Beziehung zu festigen. Eigentlich einfach, oder?

Zum Abschluss noch ein paar Worte zu dem Gefühl von Vertrauen.
Wir alle haben unsere Erfahrungen in Beziehungen gemacht. Als Kind zu den Eltern, Geschwistern, Mitschülern, Lehrern, Freunden. Als junge Menschen und als Erwachsene in unseren Paarbeziehungen. Wir alle sind verletzt worden, haben uns aufgeopfert, ausnutzen lassen, haben zu viel gegeben, uns kontrollieren lassen und ohnmächtig gefühlt und wir alle haben genommen, kontrolliert, manipuliert, gefordert, erwartet, enttäuscht.

Wenn wir heute einem neuen Partner begegnen oder unserem alten Partner neu begegnen, wird diese Begegnung nicht ohne Schmerz und Angst aus diesen alten Erfahrungen passieren. Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: wir werden mit diesen Gefühlen umgehen müssen — sowohl in den Momenten, in denen wir weiter weg sind von unserem Partner, als auch in den Zeiten, in welchen wir symbiotisch nah sind. Denn auch in der Nähe, in der Erfüllung kann alte Traurigkeit aufkommen, gerade weil wir einen solchen erfüllenden Augenblick vorher nicht gekannt haben. Traurigkeit und Erinnerung, dass wir das ganze lange Leben bis heute darauf verzichtet haben.

Anstatt den Partner zu kontrollieren aus Angst ihn zu verlieren oder uns selbst zu kontrollieren,  indem wir unsere Gefühle verstecken – können wir anfangen, uns selbst und unserem Partner zu vertrauen: tief zu atmen, Angst und Schmerz zu haben, uns damit auszudehnen und uns damit zeigen. Feststellen, dass wir in Ordnung sind mit all diesen Gefühlen und unserem Partner vertrauen, dass er uns in nahen Momenten mit diesen Empfindungen nicht gleich verlässt. Und falls doch: Vertrauen in uns selbst, dass wir auch diese Distanz überleben und wieder Nähe zu uns selbst finden werden.