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Fühlst du dich egoistisch, wenn du dich eher um deine Bedürfnisse kümmerst als um die Menschen um dich herum?

Rennst du manchmal los und unterstützt erst mal andere, weil das viel einfacher ist als herauszufinden, was du eigentlich gerade willst?

Kümmerst du dich lieber erst mal um deine Freundin, dein Kind, deinen Nachbarn, weil das, was du anpacken solltest, um in deinem eigenen Leben voran zu kommen, gerade ziemlich unbequem ist?

Vor ein paar Tagen, im Flugzeug auf dem Weg mit meiner zehnjährigen Tochter nach Südfrankreich wurde es mir bei den Sicherheitsanweisungen wieder vor Augen geführt: „Legen Sie im Notfall zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske an und erst danach ihrem Kind!“. Ziemlich klar, oder? Ich muss selbst überleben, damit ich meinem Kind helfen kann.

Meine Oma hätte das wahrscheinlich noch als egoistisch bezeichnet, doch für mich ist dies ein essenzielles Beispiel für Selbstliebe.

Nun soll es natürlich im Alltag nicht wie im Notfall zugehen. Aber wie wäre es denn, genau das zu üben? Bevor ich jemand anderem helfe, könnte ich mir die Frage stellen: “Bin ich eigentlich selbst schon zufrieden?“ Und falls nicht, werde ich erst später helfen, unterstützen, mich kümmern. Erst will ich mich um mich selbst kümmern. Etwas essen, ausruhen, kreativ sein, mich mit einem geliebten Menschen treffen- ja genau davon spreche ich – nicht davon, erst etwas Wichtiges erledigen zu müssen. Und wenn ich dann satt, ausgeruht, zufrieden und inspiriert bin, dann helfe ich dem anderen gern. Dann habe ich Kraft dafür. Und ich traue ihm zu, dass er bis dahin allein klar kommt, auch wenn es gerade nicht so einfach ist.

Ist das denn egoistisch? Klingt das nicht eher total gesund?

Ich beobachte bei Menschen, bei Klienten, in meinen Beziehungen, bei mir selbst, dass es kaum jemand gelernt hat, sich selbst zu spüren und dem nachzugehen – ohne schlechtes Gewissen. Für den anderen da zu sein – komme was wolle – hat immer noch die höhere Priorität und die größere Anerkennung. Und: Es reduziert unser schlechtes Gewissen. Ich bin also oft nur für den anderen da aus einem schlechten Gefühl heraus, nämlich dem Gefühl, nicht richtig zu sein? Dann geht es offensichtlich gar nicht ums Geben. Und damit eigentlich gar nicht um den Anderen.

Für den anderen da zu sein – das ist selbstverständlich nichts Schlechtes –, aber wenn ich selbst leer bin wie eine verbrauchte Batterie, wie soll ich dann anderen helfen? Ich opfere mich auf, strenge mich an, spanne mich an, kriege schlechte Laune, halte durch, gebe etwas her, das ich nicht habe, mache am Ende innerlich Vorwürfe oder äußere sie sogar, lehne den anderen unterschwellig oder trenne mich irgendwann ganz, weil der andere eine so starke Belastung ist. Ist das nicht dann wirklich egoistisch?

Liebe Kümmerer und Helfer, mich eingeschlossen, jetzt mal ganz ehrlich: Helfen die meisten von uns nicht den anderen, damit wir die Starken sind? Die Guten? Die Besseren? Die Mächtigeren? Um etwas zu bekommen, nämlich Dankbarkeit, Lob und Anerkennung? Und? Kommt sie denn dann tatsächlich, die Anerkennung? Und wenn sie kommt – ist sie wirklich das, was uns befriedigt? Helfen wir nicht oft, um etwas zu bekommen, das wir uns selbst nicht geben können? Helfen wir nicht auch, um nicht spüren zu wollen, was der andere da gerade durchmacht? Und ist das nicht eigentlich egoistisch?

Egoismus –ganz einfach beschrieben- ist für mich nichts anderes als „Haben wollen“.
Es geht darum,  sich etwas zu nehmen ohne Rücksicht auf den anderen. Wenn der Egoist etwas gibt, dann hat es immer etwas mit Anstrengung und Pflicht zu tun mit der Absicht, etwas zurück zu bekommen. Oft nehme ich als Egoist mir etwas, das ich mir selbst nicht geben kann. Ich nehme mir das Wohlwollen des Anderen und dafür passe ich mich an seine Bedürfnisse an. Oder ich gebe, um den Schmerz und die Angst des anderen nicht spüren zu müssen. Und in dieser Art von Helfertum versteckt sich für mich ganz klar der oft unerkannte Egoismus. Denn dabei geht es vor allem nur um einen: um mich selbst! Nicht um den anderen!

Doch das Irrsinnige dabei ist: das, was ich daraus bekomme, ist noch nicht einmal das, was ich wirklich brauche.

Beispiel versteckter Egoismus:
Ich habe aus meinem Pflichtbewusstsein heraus in meiner Mittagspause noch schnell für meinen kranken, das Bett hütenden Nachbarn gemäß seiner Wunsch-Liste eingekauft, obwohl mir selbst schon der Magen auf den Schuhsohlen lag. Ich bringe ihm die Einkäufe, frage nach seinem Befinden und natürlich, ob er noch etwas braucht. Dabei bin ich kurz angebunden, angespannt und sehe zu, dass ich schnell wieder gehe. Dafür erhalte ich ein Danke von ihm. Er erkennt es an, dass ich das für ihn getan habe. Dann komme ich nach Hause und bin total erschöpft. Ich habe keine Zeit mehr für mich selbst zu kochen und muss schon wieder zur Arbeit. Ich schmiere mir kurz ein Brot, das ich schnell verschlinge und fahre wieder an meinen Arbeitsplatz.

Beispiel Selbstliebe:
Ich beginne meine Mittagspause und schaue auf die Uhr. Die Zeit ist knapp. Eigentlich habe ich nicht wirklich Zeit, die gewünschten Dinge für meinen kranken Nachbarn einzukaufen. Ich nehme mir einen Moment Zeit zu spüren, worauf ich Hunger habe. Dann kaufe ich die Zutaten dafür ein. Ich koche mir ein Mittagessen, auf das ich richtig Lust habe in der doppelten Menge. Danach prüfe ich, ob ich es allein genießen will oder mit meinem kranken Nachbarn zusammen. Weil ich schon satt und zufrieden bin, stelle ich noch eine kleine Blume auf das Tablett mit seiner Portion und bringe ihm diese in seine Wohnung. Oder: weil ich mich auf das leckere Essen freue, klingele ich mit einem großen Tablett bei ihm an und frage, ob wir zusammen essen sollen. Nachdem wir beide satt sind, sage ich ihm zu, dass ich ihm seine Wunscheinkäufe nach Feierabend in Ruhe besorge und dann nochmal nach ihm sehe.

In Beispiel 1 würden viele vielleicht  von Altruismus sprechen. Dieser wird benutzt, um gut da zu stehen und gleichzeitig werden die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Auch der kranke Nachbar wird vernachlässigt, weil die helfende Person gereizt ist und sich schnell wieder abwenden will, weil sie erschöpft ist. Hier wird Altruismus zum Egoismus.

In Beispiel 2 gibt es weder Egoismus noch Altruismus. Es gibt Selbstliebe und Nächstenliebe in einem. Die gebende Person hat für ihren eigenen Mangel zuerst gesorgt und kann ihre Fülle ohne Anstrengung weitergeben.

Die Schlussfolgerung daraus ist für mich:
Echte Selbstliebe hilft dem anderen. Es ist ein ganz einfacher Mechanismus. Ich schlage zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich nähre mich selbst und den anderen mit. Ich liebe mich selbst und den anderen mit. Ich gebe mir selbst und dem anderen mit. Und dafür muss ich mich noch nicht einmal zusätzlich anstrengen. Im Gegenteil – dann kann Geben richtig Freude machen und sehr erfüllend sein.

Natürlich sind das Idealbeispiele und ich behaupte nicht, dass dies von heute auf morgen zu verändern ist. Aber Schritt für Schritt können wir unsere Aufmerksamkeit dafür erhöhen:

Ich möchte es dir wärmstens ans Herz legen:
Bevor du heute oder in den nächsten Tagen jemanden unterstützt: frage dich „Bin ich selbst schon zufrieden?“ Du kannst dir einen Moment Zeit nehmen, ein paar tiefe Atemzüge in deinen Rumpf machen, dich mit deiner Atmung ausdehnen, während du dir diese Frage stellst. Du wirst sehen, du hilfst.

Etwas zu geben aus der Fülle bzw. aus der (Selbst)Liebe heraus ist etwas, das für uns Menschen natürlich ist. Aus dieser Haltung heraus macht es uns wirklich glücklich.